Was macht uns einzigartig?

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SZ

Manche sagen, dass die deutschen Hersteller etwas Entscheidendes verpennt haben. Dass sie zu lang auf Elektro- und Hybridautos für die Oberklasse setzten und dabei aus dem Blick verloren haben, günstige E-Autos für die Masse anzubieten. Den Eindruck konnte man vor ein paar Monaten auch auf der IAA in München bekommen. Sechs neue Modelle glänzten auf dem Stand von BYD im Scheinwerferlicht, Modelle, die man fast alle kaufen konnte. Bei den deutschen Herstellern standen vor allem Autos auf den Ständen, die man erst in ein paar Jahren kaufen kann. Im Showroom in Stuttgart sagt es einer der BYD-Verkäufer später so: „Die Deutschen müssen jetzt gucken, dass sie etwas Anständiges auf den Markt bringen – vor allem für einen anständigen Preis.“

Für VW ist das jetzt schon eine gefährliche Situation. Ist ja kein Zufall, dass sie gerade so schnell nachgeben mit ihren Preisen. BYD ist mit seinen E-Autos vor allem auf dem Massenmarkt stark. Dort, wo VW immer stark war. Für die großen Stuttgarter Automarken Porsche und Mercedes ist das vielleicht die gute Nachricht: Sie haben aus Sicht vieler Experten bessere Voraussetzungen, gegen die neue Konkurrenz aus China zu bestehen. Weil Luxus immer geht. Weil eine S-Klasse aus Stuttgart immer noch ein Statussymbol ist. Aber reicht das auf Dauer? 

Auch eine S-Klasse braucht ja eine gute Software. Wenn man Autoexperten wie Stefan Bratzel glaubt, sogar: eine viel bessere Software als die Chinesen. „Wir müssen in der Automobilindustrie mindestens so viel innovativer sein, wie wir teurer sind“, das ist ein Satz, den Bratzel immer wieder sagt. Beim Preis werden die Autos aus China ja kaum zu schlagen sein.

Der chinesische Hersteller BYD hat in seiner Anfangszeit keine Autos gebaut, sondern Batterien, das Herz eines jeden Elektroautos. Und genau das sei die größte Stärke der Chinesen, sagen Fachleute: dass sie die Batterien selbst produzieren können. Günstiger produzieren können.

Richtig ernst genommen wurde das Unternehmen trotzdem lange nicht. In den Chefetagen der deutschen Autoindustrie schauten sie vor allem darauf, was Tesla-Chef Elon Musk macht. Und was machte er? Nun, es gibt da ein Interview, dreizehn Jahre alt. Darin spricht eine Moderatorin von Bloomberg den Tesla-Chef auf BYD an. Die Chinesen seien doch jetzt Konkurrenten. Da bekam Musk einen Lachanfall. „Haben Sie deren Autos gesehen?“

Was China will, ist klar: Einen weltweit führenden chinesischen Autohersteller

Mittlerweile lacht niemand mehr. Auch nicht in Europa. Was Kommissionschefin Ursula von der Leyen im September über die E-Autos aus China sagte, klang eher nach einem leisen Anflug von Panik. Die Welt werde „mit billigeren chinesischen Elektroautos geflutet“, warnte von der Leyen und kündigte an, eine mögliche Wettbewerbsverzerrung zu untersuchen.

Was China will, ist klar: Bis 2025 will Peking einen global führenden Autohersteller aus dem eigenen Land sehen und ist bereit, Milliarden in diese Unternehmen zu pumpen. In den kommenden Jahren will BYD ein Werk im ungarischen Szeged eröffnen, das hat das Unternehmen kurz vor Weihnachten bekannt gegeben. Die chinesischen E-Autos könnten in Europa dann noch billiger und der Preiskampf noch härter werden. Die hohen Einfuhrzölle in die EU würden dann ja wegfallen. „BYD wird sich in Deutschland durchsetzen“, sagt der Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer.

Also doch ein Angriff?

Davon will BYD-Mann Noppenberger in seinem Showroom nichts wissen. „Mercedes hat tolle Produkte im hochwertigen Segment“, sagt er.

Das Grab von Gottlieb Daimler ist nur ein paar Kilometer entfernt, drüben auf der anderen Straßenseite hat Mercedes seinen Firmensitz.

Und eines will Breitschwerdt gleich mal klarstellen: Es sei nicht das erste Mal, dass die deutsche Autoindustrie am Abgrund gesehen wird. Anfang der Neunziger zitterten die Deutschen schon mal. Nicht vor den Chinesen, sondern vor den Japanern und deren Toyotas. „Die waren besser ausgestattet, hatten eine bessere Qualität, waren viel günstiger – und wir konnten es anfangs nicht fassen.“ Die Deutschen hätten dann ihren Gegner exakt studiert. Wie einen Boxer. Das perfektionistische Management, die Just-in-Time-Produktion. Drüben bei Porsche in Zuffenhausen haben sie damals japanische Experten einfliegen lassen, die alle Arbeitsabläufe überprüften und vereinfachten.

„Konkurrenz ist etwas Positives“, sagt Museumschef Breitschwerdt. Natürlich spürt er, dass sich die Kräfteverhältnisse gerade verschieben. Er weiß, dass Tesla an der Börse mehr wert ist als alle deutschen Autobauer zusammen. Dass die Chinesen immer selbstbewusster auftreten. Es gebe nun mal „einen Umbruch in der Antriebstechnik“, sagt er. Aber das bedeute nicht, dass Deutschland abgehängt werde. Vor allem hier im Süden wüssten sie doch mit Herausforderungen umzugehen. So sei Daimler ja erst entstanden. Früher hatten die Menschen hier nichts, keine Bodenschätze, keinen Reichtum. Nur einen beharrlichen Ehrgeiz, gepaart mit pietistischem Fleiß. Daraus entstand Mercedes, eine Weltmarke.